{"id":346,"date":"2017-02-16T20:48:42","date_gmt":"2017-02-16T20:48:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.petergroeflin.ch\/?p=346"},"modified":"2018-03-24T16:13:52","modified_gmt":"2018-03-24T16:13:52","slug":"eine-klassische-win-win-situation","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.petergroeflin.ch\/?p=346","title":{"rendered":"Eine klassische Win-Win-Situation"},"content":{"rendered":"<p>Habe ich es schon gesagt? Seit einiger Zeit arbeite ich zwischendurch als Hilfskellner. Mal etwas anderes als die t\u00e4gliche Arbeit im Stollen. Nicht den ganzen Tag mit irgendwelchen Zahlen jonglieren oder dem unendlichen, relationalen Datenmodell seine Geheimnisse abringen.<\/p>\n<p>Eine gute Sache, habe ich mir gedacht, als ich meiner Schw\u00e4gerin zusagte, ihr ab und zu an den Samstagen im Caf\u00e9 ihrer <a href=\"https:\/\/www.villa27.ch\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Shabbychic-Villa<\/a> zu helfen. Eine klassische Win-Win-Situation. Sie erh\u00e4lt eine wertvolle Hilfe und ich kann von meinem Berufsstress abschalten. F\u00fcr mich ist es sowieso auch wichtig, zwischendurch etwas mit Menschen zu machen, statt immer nur mit Zahlen. Das sagt auch mein Therapeut.<\/p>\n<p><strong>Einfach mal abschalten<br \/>\n<\/strong>Wenn ich am Samstagmorgen jeweils die T\u00fcre der noch ziemlich leeren Villa \u00f6ffne, hat das schon fast etwas Meditatives. Alle Sachzw\u00e4nge des Alltags kann ich am Hintereingang die steile Treppe in den Keller hinunterrollen lassen. Als freier, unbeschwerter Mensch betrete ich die Gaststube. Geniesse die wohlige W\u00e4rme der frisch eingefeuerten Kachel\u00f6fen. Rieche, wie sich der Duft des frischen Kaffees mit dem sanft s\u00fcsslichen Wachsgeruch der Kerzen mischt. Mich lacht das knusprige holzofengebackene Brot auf dem Fr\u00fchst\u00fccksbuffet an, das nach der frischen Bauernhofbutter und dem goldig leuchtenden Bienenhonig schreit. Ich kann es richtig h\u00f6ren.<\/p>\n<p>\u201eWo bleibst du endlich? Es ist schon fast 9 Uhr! Wir \u00f6ffnen.\u201c Uups! Das ist aber nicht das Brot, das ruft, sondern meine Chefin, die ihre Morgenmeditation offenbar schon hinter sich hat. \u201eEs gibt viel zu tun.\u201c Dann also los.<\/p>\n<p><strong>Ohne ein richtiges Briefing l\u00e4uft nichts<br \/>\n<\/strong>Ohne ein richtiges Briefing l\u00e4uft auch in der Gastronomie heutzutage nichts mehr. \u201eDu kennst ja alles bestens. Neu steht aber die Registrierkasse, die links vorne war, hinten rechts. Daf\u00fcr hat unser IT-Fachmann endlich die Tasten der Kasse optimaler programmiert. N\u00e4chste Woche schreibt er sie dann auch noch an. Bei den beiden Kaffeemaschinen ist zu beachten, dass die Kaffeebohnen aus dem blauen Sack nur in den roten Beh\u00e4lter links und die aus dem gr\u00fcnen nur in den schwarzen Beh\u00e4lter rechts eingef\u00fcllt werden d\u00fcrfen. Eigentlich alles ganz logisch. F\u00fcrs die heisse Milch tippst du entweder links zweimal kurz an oder dann bei der Maschine rechts einmal lang \u2013 aber nicht l\u00e4nger als eineinhalb Sekunden, sonst \u2013 du weisst ja\u2026 Ah, der Getr\u00e4nkeschrank muss unbedingt wieder aufgef\u00fcllt werden. Dann brennen noch nicht alle Windlichter auf den Tischen. Im Raum beim Eingang ist f\u00fcr sieben Personen reserviert. Vorstandssitzung. Also nicht st\u00f6ren \u2013 aber dennoch regelm\u00e4ssig vorbeischauen. F\u00fcr die warmen Speisen geh\u00f6rt unbedingt immer ein Tischset unter den Teller. Du findest die Sets in einer der 27 Schubladen des Buffets. Logischerweise in der, die am wenigsten klemmt. Von den anderen solltest du die Finger lassen, besonders dann, wenn es pressiert. Um 11 &#8211; vielleicht auch erst um 12 Uhr &#8211; kommen drei Stammkundinnen, die sich f\u00fcr die gem\u00fctliche Ecke angemeldet haben. Du musst unbedingt den Tisch freihalten. Wenn du etwas falsch tippst, unbedingt sofort den Betrag wieder stornieren. Nimm dann die Taste links oben und best\u00e4tige die Aktion mit der Pfeiltaste in der Mitte. Also die mit dem Pfeil nach unten. Auf keinen Fall, die mit dem Doppelpfeil dr\u00fccken, sonst ist alles weg. Und jetzt muss ich in der K\u00fcche.\u201c<\/p>\n<p>Nun ist wenigstens alles klar. Die Basis f\u00fcr eine solide und effiziente Arbeit ist gelegt. F\u00fcr mich heisst es nun: Klar priorisieren und ja nicht den Blick f\u00fcrs Ganze verlieren. Genau f\u00fcr solche Momente habe ich vor 15 Jahren das Arbeitstechnik-Seminar absolviert und die Drei-Finger-Methode trainiert. Simpel zu merken: Daumen, Zeigfinger, Mittelfinger. Im Grunde genommen verbl\u00fcffend einfach. Aber, f\u00fcr was in aller Welt steht dieser bl\u00f6de Daumen? Egal. Wichtig ist jetzt, das Ganze mit einer positiven Grundhaltung anzugehen. Gut &#8211; beginnen wir beim Dringenden und gehen dann sukzessive zum Wichtigen \u00fcber. Also beginnen wir. Wir? Also ich. Aber mit waaas? Ich f\u00fchle mich, wie bei den Franz\u00f6sischtests damals in der Sekundarschule. Tausend W\u00f6rtchen auf dem Blatt, g\u00e4hnende Leere im Kopf.<\/p>\n<p><strong>Es ist wirklich gem\u00fctlich hier<br \/>\n<\/strong>In solchen Situationen hilft eine kurze Pause. So einen Laden im Schwung halten, das erm\u00fcdet und gibt Hunger. Bei einer heissen Schokolade und einem deftigen K\u00e4se-Eingeklemmten komme ich allm\u00e4hlich wieder zu Kr\u00e4ften und zu klaren Gedanken. Es ist wirklich gem\u00fctlich hier. Auch die Leute sind sehr freundlich. Dort hinten winkt mir immer wieder eine nette, \u00e4ltere Frau zu, obwohl ich die gar nicht n\u00e4her kenne. Langsam wird es mir peinlich. Ich winke zur\u00fcck. Nun ruft sie mir sogar zu. Was? Ob sie und alle anderen im Lokal vielleicht endlich bestellen k\u00f6nnen? So eine dumme Frage. Klar, k\u00f6nnen die das. F\u00fcr das gibt es das Servierpersonal \u2026 Mist, das bin ja ich!<\/p>\n<p>Geistesgegenw\u00e4rtig springe ich auf, schnappe mir ein Bestellbl\u00f6ckchen und zehn Minuten sp\u00e4ter kenne ich alle G\u00e4ste \u2013 meine G\u00e4ste \u2013 und ihre Bed\u00fcrfnisse. Leider sind nicht alle so freundlich, wie die winkende Dame. Unverst\u00e4ndlich, warum es Leute gibt, die an einem friedlichen, freien Samstagmorgen so schlecht gelaunt unterwegs sind.<\/p>\n<p>Mit ein paar federnden Schritten bin ich bereits am Buffet. Nun ist eine klare und zielorientierte Kommunikation gefragt. Mit deutlicher Aussprache lese ich meine logisch strukturierte Bestellliste runter: \u201eIch bekomme f\u00fcnf Caf\u00e9 cr\u00e8me &#8211; einmal ohne Cr\u00e8me, zweimal mit Doppelcr\u00e8me, dann einen Alpenkr\u00e4utertee, einen Schwarztee nicht zu schwarz und einen Hagebuttentee nicht zu heiss.\u201c Danach folgten noch ein paar dieser italienischen Kaffeespezialit\u00e4ten, die ich entweder falsch schreibe oder falsch ausspreche. Bereits bin ich am Ende der Liste angekommen und schliesse mit: \u201eUnd dann wollen noch sieben G\u00e4ste ein Croissant dazu.\u201c<\/p>\n<p>Keine Reaktion. Ich schaue von meinem Block auf und stelle mit Schrecken fest: Da ist ja gar niemand! Wer macht denn heute das Buffet? Mist, das bin ja auch ich!<\/p>\n<p><strong>Das perfekte Bild<br \/>\n<\/strong>In solchen Momenten zahlt es sich aus, dass man belastbar ist und sein Handwerk versteht. Wie am Fliessband f\u00fclle ich an den beiden Kaffeemaschinen Tassen und Gl\u00e4ser mit dem richtigen Inhalt und reihe sie sauber gruppiert auf dem Buffet auf. Fertig! Ich mustere dieses sch\u00f6ne Bild und schiebe noch die Gl\u00e4ser mit dem leuchtend weissen Milchschaum in die Mitte der dunklen Kaffees. Nun ist es perfekt! Es dokumentiert meisterlich, mit was jeder Gast auf unterschiedliche Art und Weise am Samstagmorgen in unserem Caf\u00e9 individuell gl\u00fccklich wird.<\/p>\n<p>Aber wer hat nun was bestellt? Als routinierter Aushilfskellner kann ich ohne Probleme auf den ersten Blick erkennen, wer einen Espresso und wer einen Caf\u00e9 cr\u00e8me bestellen wird. Ganz zu schweigen von den Schalentrinkerinnen. Da muss ich nicht einmal hinsehen. Die erkenne ich an ihrem typischen Schritt. Und erst die Teeliebhaberinnen&#8230; Sonst bin ich immer der perfekte G\u00e4steversteher. Aber heute sehen alle gleich aus. Und alle haben einen leicht gereizten Blick. Wenn nur nicht diese Leere in meinem Kopf w\u00e4re. Habe ich das mit den Franz\u00f6sischtests schon mal erw\u00e4hnt?<\/p>\n<p>Nun muss eine L\u00f6sung her, die f\u00fcr alle das Beste ist: \u201eLeute, alle mal herh\u00f6ren! Ihr wisst ja hoffentlich noch, was ihr bestellt habt. Holt euch euer Zeugs doch rasch selber. Passt aber auf das heikle Geschirr auf und macht keine Sauerei. Ich muss nun in den ersten Stock. Vielleicht hat es dort noch andere G\u00e4ste, die ich gl\u00fccklich machen kann.&#8220;<\/p>\n<p>Im ersten Stock ist es ruhig. Niemand ist da, der bereits unruhig auf mich wartet. Erleichtert lasse ich mich neben dem wohlig warmen Kachelofen in den weichen Sessel fallen und lege meine F\u00fcsse aufs Tischchen. Wenn du stundenlang auf den Beinen bist, braucht es das zwischendurch.<\/p>\n<p><strong>Die k\u00f6nnen manchmal ungem\u00fctlich sein<br \/>\n<\/strong>Vermutlich muss ich kurz eingenickt sein, aber nun h\u00f6re ich es deutlich: Mehrmals nacheinander f\u00e4llt die schwere Eingangst\u00fcre ins Schloss. Offenbar l\u00e4uft das Gesch\u00e4ft im unteren Stock wie geschmiert. Vielleicht schaue ich besser mal nach. Ich kenne unsere G\u00e4ste, die k\u00f6nnen manchmal recht ungem\u00fctlich sein. Von den untersten Treppentritten aus sehe ich, wie meine Chefin der letzten Frau in der Gaststube in den Mantel hilft. Danach wendet sie sich mir zu: &#8222;Du hast f\u00fcr heute sicher noch andere Pl\u00e4ne, oder? Hier kommen wir &#8211; so sch\u00e4tze ich es ein \u2013 f\u00fcr den Rest des Vormittags ohne deine Hilfe \u00fcber die Runden.&#8220;<\/p>\n<p>Das \u00fcberrascht mich, zeigt mir aber auch deutlich, mit welch grosser \u00dcbersicht sie ihr Lokal und ihre Angestellten f\u00fchrt. Es kann ihr nicht entgangen sein, dass sich bei mir nach diesem happigen Morgeneinsatz erste Verschleisserscheinungen bemerkbar machen. Meine Chefin und all die netten G\u00e4ste lasse ich ungern im Stich, aber meine Mission ist hier f\u00fcrs Erste erf\u00fcllt.<\/p>\n<p>Zufrieden ziehe ich heimw\u00e4rts. Alles ist perfekt aufgegangen. Ich habe meiner Schw\u00e4gerin kompetent und mit grossem Elan den Laden geschmissen. Und auch das mit dem Abschalten vom Berufsstress hat wirklich funktioniert. So erholt wie im Moment habe ich mich schon lange nicht mehr gef\u00fchlt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Habe ich es schon gesagt? Seit einiger Zeit arbeite ich zwischendurch als Hilfskellner. Mal etwas anderes als die t\u00e4gliche Arbeit im Stollen. Nicht den ganzen Tag mit irgendwelchen Zahlen jonglieren oder dem unendlichen, relationalen Datenmodell seine Geheimnisse abringen. 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