{"id":277,"date":"2016-01-13T22:13:37","date_gmt":"2016-01-13T22:13:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.petergroeflin.ch\/?p=277"},"modified":"2017-01-02T17:26:23","modified_gmt":"2017-01-02T17:26:23","slug":"ein-ingenieur-blickt-immer-durch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.petergroeflin.ch\/?p=277","title":{"rendered":"Ein Ingenieur blickt immer durch"},"content":{"rendered":"<p>Ich verstehe ja von vielem nichts. Aber von Technik, da verstehe ich etwas. Nicht umsonst m\u00fchte ich mich an der Ingenieurschule\u00a0\u2013 wie die damals noch hiess\u00a0\u2013 ab. Ein Ingenieur ist einer, der weiss, wie der technische Hase l\u00e4uft. Der findet immer den passenden Knopf, der zieht am entscheidenden Hebel, der rechnet immer richtig und wenn einmal nicht, dann richtig falsch. Mit diesem Durchblick macht jeder Tag Spass in unserer immer komplexeren und technologisierteren Welt.<\/p>\n<p><strong>Alles klar f\u00fcr unseren Hund<\/strong><\/p>\n<p>Bis zum letzten Jahr. Da ging mir mein ganzes technisches Selbstvertrauen in die Br\u00fcche. Und das nicht etwa, weil ich an der Berechnung einer Satellitenflugbahn im Erdorbit scheiterte. Nein, ich verlor den Kampf mit der Sanit\u00e4rtechnik, die eigentlich gemacht ist f\u00fcr den Alltag. Alltagstechnik, \u00a0mit der das Kleinkind umgehen kann, bevor es die ersten Worte spricht. Sogar unser Hund \u2013 wenn wir einen h\u00e4tten \u2013 w\u00fcsste intuitiv, wie er sie bedienen m\u00fcsste, um seinen Wassernapf zu f\u00fcllen.<strong><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>Nur mich \u00fcberforderte sie ganz offenbar. Den ersten Knack verpasste mir ein Sanit\u00e4rdesigner, der herausgefunden hatte, dass es f\u00fcr die Lavabo-User viel hipper ist, wenn sie mit einem einzigen eineinhalb Zentimeter langen Joystick die Wassertemperatur und gleichzeitig die gew\u00fcnschte Wassermenge regulieren k\u00f6nnen. Er hatte Recht! Nach der ersten \u00dcbungsstunde war mein Fingerspitzengef\u00fchl so weit gediehen, dass schon etwas Nass aus dem Hahn floss. Nach einer weiteren Stunde hatte dieses dann sogar eine Temperatur, wenn auch nicht die angestrebte.<\/p>\n<p><strong>Sterne \u00ad<\/strong>\u00ad\u2013 <strong>wie am K\u00fchlschrank<\/strong><\/p>\n<p>Den zweiten Tiefschlag verpasste mir ein so richtig teures Hotel, das mich f\u00fcr eine einzige Nacht beherbergte. Ein Blick ins Badezimmer liess mein Herz h\u00f6her schlagen. Alles war ganz schlicht gestaltet. Erleichtert packte ich den \u00e4usserst funktionalen Hebel, mit dem ich das Wasser weich und dosiert in die wohlgeformte Keramiksch\u00fcssel perlen liess. Sch\u00f6n! Nun die Lektion 2: Warmes Wasser. Vergebens suchte ich nach einem Regler. Scharfsinnige Gedanken funkten durch mein Hirn: L\u00e4uft das alles mit einer Fotozelle? Braucht es eine warme Handbewegung, um die Mischbatterie zu aktivieren? Oder vielleicht Spracherkennung? &#8222;Warmes Wasser! Warmes Wasser!! WARMES WASSER!!!\u201c<strong><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>Das ernsthaft besorgte Gesicht meiner Frau erschien in der Badezimmert\u00fcr. Oder gibt\u2019s vielleicht ein Warmwasser-App f\u00fcr die Bedienung via Smartphone, das man auf der Hotel-Homepage herunterladen kann? Ich wollte es nicht wissen und wusch mich mit kaltem Wasser. Am n\u00e4chsten Morgen sprangen mir die Sterne \u00fcber der Rezeption in meine Augen. Die sehen aus, wie bei unserem K\u00fchlschrank. Bedeuten die dort nicht ebenfalls: je mehr Sterne umso k\u00e4lter?<\/p>\n<p><strong>Wir sind ja nicht in der Schweiz<\/strong><\/p>\n<p>Diese Erlebnisse hatte ich schon fast vollst\u00e4ndig verdr\u00e4ngt. Kalt hatte ich auch nicht mehr. In der br\u00fctenden italienischen Sommerhitze bezog ich mit Frau und Kindern unseren Maxicaravan auf einem venezianischen Zeltplatz. Alles war vorhanden, was man so braucht: Kochnische, K\u00fchlschrank, Klimaanlage. Als erfahrener Schwachstromcamper wusste ich: Das Feriengl\u00fcck ist erst dann perfekt, wenn auch alles funktioniert. Wir sind ja nicht in der Schweiz&#8230; Deshalb Kontrolle: K\u00fchlschrank, kalt. Gasherd, springt an. Klimaanlage, l\u00e4uft.<strong><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>Alles bestens! Alles? Nur noch schnell einen Blick ins Badezimmer werfen. Ich bin beeindruckt. Ich h\u00e4tte es nicht f\u00fcr m\u00f6glich gehalten, dass sich eine Duschkabine, ein Lavabo und ein WC in einem ungef\u00e4hr besenschrankgrossen Raum unterbringen lassen. Aber was sage ich Duschkabine? Duschtraumwelt w\u00e4re treffender. Verschiedene Kn\u00f6pfe waren da, um die zahlreichen unterschiedlichen D\u00fcsen in Wand, Boden und Decke spielen zu lassen. Da ich wegen der Hitze sowieso nicht viel mehr als die Shorts anhatte, wagte ich es sogleich, an einem der Kn\u00f6pfe zu drehen. Nichts! Dann halt ein anderer. Nichts! Aha, dann ist es der Drehschalter hier. Nichts! Auch in allen f\u00fcr mich denkbaren Kombinationen konnte ich keiner D\u00fcse und Brause dieser Dusche auch nur einen Tropfen Wasser entlocken.<\/p>\n<p><strong>M\u00fchsam, dass die es nicht schaffen<\/strong><\/p>\n<p>Nun meldete sich der Ingenieur in mir. Klar, hier ist der Haupthahn f\u00fcr unser H\u00e4uschen noch nicht ge\u00f6ffnet. Eine Sicherheitsmassnahme bei diesen leicht improvisierten Wasserzuleitungen. Verst\u00e4ndlich, aber dennoch m\u00fchsam, dass die es nicht schaffen, einen wirklich funktionierenden Feriencontainer bereitzustellen. Gut, wenn sie es nicht anders wollen, muss halt jemand vorbeikommen und den Haupthahn \u00f6ffnen.<strong><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcnf Minuten nach meinem Anruf brauste schon das Service-Strandmobil heran. Ein immer freundlicher graumelierter Universaltechniker schwang sich aus dem Wagen, begleitete mich mit seinem leicht m\u00fcden, wenn nicht schon fast traurigen Gang in den Badebesenschrank. Mit einem leicht mitleidigen Blick griff er zum Haupthebel und liess es brausen. Meine Entschuldigungsversuche kamen nicht wirklich an. Ich h\u00f6rte nur noch etwas im Sinne von: \u201eF\u00fcr solche G\u00e4ste bin ich ja da.\u201c<\/p>\n<p>K\u00fcrzlich \u00fcberraschte ich meine Tochter zu Hause am Stubentisch, wie sie \u00fcber farbigen Prospekten mit l\u00e4chelnden Senioren br\u00fctete. &#8222;Betreutes Wohnen f\u00fcr M\u00e4nner \u00fcber 53! Wir helfen Ihnen, wenn es alleine nicht mehr geht.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich verstehe ja von vielem nichts. Aber von Technik, da verstehe ich etwas. Nicht umsonst m\u00fchte ich mich an der Ingenieurschule\u00a0\u2013 wie die damals noch hiess\u00a0\u2013 ab. Ein Ingenieur ist einer, der weiss, wie der technische Hase l\u00e4uft. 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